Isla del Cocos – Berg der Haie

Kaum eine Insel im Pazifik ist unter Tauchern so bekannt und begehrt wie die Kokosinsel. Vor der Küste Costa Ricas ragt diese Insel vulkanischen Ursprungs aus dem Meer und hat neben vermeintlichen Piratenschätzen und dichtem Dschungel, es ist die größte unbewohnte Regenwaldinsel der Welt, auch schon Stevenson zu seinem Roman die Schatzinsel inspiert und diente als Vorlage für die Insel in Jurassic Park. Aber dazu später mehr, denn der Zufall hat als idealen Platz für die Insel einen Punkt 500km vor der Küste Costa Ricas auserkoren, und da muss man erst mal hin. Die Insel ist nur per Boot erreichbar und nur wenige Anbieter besitzen überhaupt eine Lizenz die Insel anlaufen und betauchen zu können. Aus diesem Grund habe ich mir bereits vor knapp zwei Jahren einen der letzten Plätze beim deutschen Anbieter „Tauchertraum“ auf der Yemaya II gesichert und bin natürlich entsprechend aufgeregt. Das besondere an dieser Tour ist, das wir im laufe der nächsten 17 Tage nicht nur die Isla del Cocos besuchen werden, sondern auch dem zweiten Hotspot für Haie im Pazifik, der Insel Malpelo in Columbien, einige Zeit widmen werden.

Es ist das erste mal das solch eine Kombitour angeboten wird. Entsprechend überbieten sich Preis und Erwartungen abwechselnd in die Höhe. Aber noch befinde ich mich an Land, in Costa Rica, im Flughafenhotel. Am nächsten Tag geht es um 06:00 Uhr in der Früh mit dem Bus nach Puntarenas und aus diesem Grund ist die Nacht bereits Bestandteil der gebuchten Tour. Damit man sich schon mal an das zusammenleben mit fremden Menschen in der Zweibettkabine an Bord gewöhnen kann wird sich auch das Hotelzimmer geteilt. Ich bin als erstes auf dem Zimmer und als selbst nach dem Abendessen sich immer noch niemand mit mir das Zimmer teilen will, gehe ich ins Bett und bin froh das Zimmer doch für mich zu haben. Das ändert sich als Nachts ein Schatten durch das Zimmer huscht. Ich spiele im Halbschlaf und im Geiste ein paar Was-Wäre-Wenn-Szenarien durch und überzeuge meine Vorstellung davon das es lediglich mein mir zugeteilter Zimmerkumpel ist und kein IchbleibejetztmitmeinemMesernebendeinemBettstehenunderschreckedichwennduaufwachst-Typ. Beim Frühstück lerne ich meinen Zimmerkumpel dann im Hellen kennen und es ist ein sympathischer Spanier namens Pedro. Pedro ist 38 Jahre jung, arbeitet als Wirtschaftsberater und steht total auf Haie. Ein Messer scheint er nicht bei sich zu tragen.

Soweit ich das im Frühtsücksraum des Hotels erfassen kann, besteht der Rest der Reisegruppe aus Deutschen. Ich versuche gegen die Vorurteile die deutsche Reisegruppen so mit sich bringen anzukämpfen und wende mich schnell wieder Pedro zu, die internationale Würze im deutschen Einerlei. Kurze Zeit später sitzen wir alle im Bus auf dem Weg zum Boot. Im Bus lernen wir noch Luca, einen Schweden aus Singapur kennen. Er wohnt bereits seit 16 Jahren in der Megametropole und ist knapp 40. Damit bilden wir drei die juvenile Splittergruppe der insgesamt 16 köpfigen Reisegruppe.

Die Busfahrt führt einem nochmals die Schönheit Costa Ricas vor Augen. Sechs Stunden lang geht es auf einer Teerstrasse durch dichten Regenwald. Grüne Hügel und noch grünere Täler, manchmal voller Krokodile, säumen den Weg zu beiden Seiten. Ich kann mir nicht vorstellen mich jemals daran satt zu sehen. Zumindest nicht so lange wie ich das Ganze mit intaktem Orientierungsinn und der nächsten Zivilisation nicht mehr als zwei Tagesmärsche entfernt betrachten darf.

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Ganz unspektakulär biegt der Bus nach knapp sechs Stunden links auf einen Parkplatz mit angrenzenden Meer ab. Wir sind da. Bevor wir auf das Boot dürfen sind noch einige Zollformalitäten zu klären und ich nutze die Zeit um mit einem kühlen Bierchen rein virtuell mit meinen ehemaligen Kollegen in Berlin anzustoßen. Es fängt an zu regnen. Nach zwei Stunden sind alle an Bord, die Kabinen verteilt und während wir ablegen lerne ich Christian meinen Kabinen- und Tauchbuddy kennen. Christian gehört ganz klar der zweiten, nicht juvenilen Gruppe unsere Reisegemeinschaft an und ist ein Münchner mit der äußerlichen Tendenzen hin zu Mr. Bean. Er murmelt noch irgendetwas hinsichtlich des Regenwetters, aber ich bin bereits ganz in die See und den Fahrtwind vertieft und auch ein klein wenig verliebt. Schlummert da etwa ein Seemann in mir? Das Boot macht knapp 9 Knoten und so brauchen wir für die  Überfahrt ca. 42 Stunden. Während  wir durch die Bucht schippern und Delphine steuerboard von uns aus dem Wasser springen und Adlerrochen ungeschickte Flugversuche außerhalb des kühlen Naß unternehmen, atme ich die Seeluft tief in mich ein und bin mir sicher, ja da ist ein Seemann in mir.

Als wir nur wenige Stunden nach dem Ablegen die geschütze Bucht verlassen und so mir nichts dir nichts durch das offene Meer pflügen und die Wellen auf 3 Meter anwachsen, suche ich krampfhaft nach dem Horizont und  dem Seemann in mir.  Da die Sonne bereits untergetaucht ist, fehlt vom Horizont jede Spur und genau so verhält es sich auch mit dem Seemann in mir. Wie kann man denn so ein bescheuertes Hausmittel, man solle bei Seekrankheit den Horizont anstarren, in die Welt tragen wenn das nur in der Hälfte aller Fälle funktioniert. Mir ist kotzübel. Die Bewegungen des Schiffs in allen vier Achsen und den ganzen Achsen dazwischen machen eine verletzungsneutrale Fortbewegung auf dem Oberdeck sehr sehr schwer. Und während ich mich an der frischen Luft horizontal liegend meinem Schicksal ergebe höre ich noch den Kapitän sagen, das wir Glück haben, das Meer sei verhältnissmäßig Ruhig. Ich möchte mir gar nicht ausmalen wie es wohl sein muß wenn das Meer sich „normal“ verhält und schreibe den Seemann in mir zur Fahndung aus, tot oder lebendig! An einen Besuch unter Deck und somit auch meiner Kabine ist nicht zu denken. Beim meinem letzten Versuch kam ich gerade mal zwei Meter weit den Flur entlang, bevor mein Gleichgewichtssinn einen epileptische Anfall erlitt und mein Magen mit, nennen wir es mal schweres Unbehagen, konterte. Ich verbringe eine unruhige Nacht an Deck. Gegen fünf Uhr ist die Nacht vorbei und auch die Sache mit dem ruhigen Meer. Die Wellen sind auf 4 Meter angewachsen und selbst die Mannschaft hat so ihre Probleme das Essen zu servieren. Zumindest in dieser Hinsicht falle ich niemanem zur Last.  Im Laufe dieses zweiten Tages auf See mache ich, neben dem Fakt das ich seekrank werden kann, eine weitere Interessante Entdeckung. Die Tabletten gegen Seekrankheit wie z.B. Dramamine können was. Eine Stunde nach der Einnahme von zwei dieser Wunderpillen wird es ein weing besser. Die Übelkeit beginnt sich zu legen, das Schaukeln nicht. Ein Blick auf die Uhr verät mir, dass wir noch knapp 25 Stunden Fahrt vor uns haben. Und ich hoffe inständig, dass sich diese Quälerei wirklich lohnt. Die Tabletten haben eine ganz nützliche Nebenwirkung. Sie machen nicht nur letargisch, sondern auch müde. So verschlafe ich den Tag an Deck ab und zu unterbrochen durch ein jähes Plumsen von der Bank, weil sich mal wieder so eine Welle zu schnell unterhalb des Rumpfes aus dem Staub gemacht hat. So verbringe ich auch die zweite Nacht an Deck.

Am Morgen des dritten Tages ist es ruhig, die Sonne scheint und das Boot steuert geradewegs auf die Chatham Bucht vor Cocos zu.  Welch ein grünes Juwel da aus dem Wasser ragt. Die steilen Klippen sind alle durchsetzt von saftig grünem Regenwald der direkt ins Meer mündet. Zwischen den Bäumen ergiessen sich kleine und große Wasserfälle außen an den Klippen in selbiges. Einen Strand oder ähnliches kann man auf den ersten Blick nicht erkennen.

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Unweigerlich denkt man an Jurassic Park und wartet nur darauf das ein Bronchiosaurus den Kopf aus dem dichten Blätterdach streckt und einen grünzeugkauend leicht debil anblickt. Beim Anblick der Insel sind all die Qualen der letzten Tage vergessen. Mir ist fort klar warum unter anderem der Pirat Henri Morgen diesel Insel auserkoren hat um seine gewaltigen Schätze zu verstecken. Und im selben Augenblick wird einem auch klar warum diese niemals jemand finden wird. Zumal das Schatzsuchen auf der Insel seit einigen Jahren verboten ist. Einer der letzten die es versuchten haben, war ein Deutscher. Er hat 15 Jahre lang die gesamte Insel erfolglos umgegraben und als er dann endlich fündig wurde, allerdings nur ein paar Dublonen fand, ist er durchgedreht und seit dem geistig umnachtet. So erzählt man es sich jedenfalls. Piraten, Schätze, Dinosaurier und noch vieles mehr assoziiert der Geist automatisch mit dieser Insel die über und über mit undurchdringlichem Regenwald bedeckt ist und absolut zur Recht von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Dabei befinden sich die wahren Schätze nicht auf der Insel sondern unterhalb der Meeresoberfläche. Und dort geht es gleich nach dem Frühstück zum ersten mal hinunter. Es ist also endlich soweit, nach zwei Jahren werde ich endlich die Untiefen vor Cocos betauchen.

Der erste Tauchgang ist ein klassischer Check Dive. Sprich man nutzt diesen Tauchgang um sich und sein Equipment auf Funktionsfähigkeit zu testen. Wir werden alle in zwei Gruppen zu je 8 Leuten eingeteilt. Jede Gruppe hat seinen eigenen Guide und ein eigenes Skiff. Skiffs sind die kleinen Beiboote mit denen es vom Boot aus zu den Tauchplätzen hinaus geht. Total gerädert von den vergangenen Tagen stelle ich meine Tauchausrüstung zusammen und besteige mit gemischten Gefühlen das Skiff.Auch wenn ich innerhalb der Reisegruppe mit meinen knapp 350 Tauchgängen zu den Anfängern zähle, halte ich mich persönlich für einen recht fähigen Taucher. Aber das hier ist nicht irgendein Riff mit bunten Fischen in der Karibik oder im roten Meer, das hier ist der Berg der Haie. Und wegen den Haien, allen voran den in großer Zahl vorkommenden Hammerhaischulen, sind wir alle hier. Den ersten Tauchgang bestreiten wir direkt in der Bucht in der wir auch vor Anker liegen. Wie gehen auf ca. 17 Meter Tiefe und im trüben Wasser kommen mir bereits gleich nach dem Abtauchen die ersten Weißspitzenriffhaie entgegen. Der Boden besteht hauptsächlich aus Steinkorallen und hier und da lugt ein hummerartiges Getier aus einer Felsniesche. Dennoch wirkt die Umgebung unter Wasser Schattenhaft und hat was mystisches. Wenn man ins Tiefe Blau schaut, weiß man hier ist alles möglich. Wir sind weit draußen im Pazifik und der Boden um die Insel fällt bis auf 400 Meter in die Tiefe ab. Erst vor wenigen Wochen wurden hier beim Tauchen Orcas beim jagen unter Wasser beobachtet, wie sie einen stattlichen Tigerhai an die Jungtiere verfüttert haben. Dabei sind Tigerhaie wirklich ernstzunehmende Haie die bis zu 6 Meter lang werden können und für die wir Menschen durchaus eine Mahlzeit darstellen. Aber bis auf die immer wieder durchs Riff streifenden Weißspitzen und einen Adlerrochen verläuft der Tauchgang ruhig. Zum Abschluß muß jeder noch seine Fähigkeiten eine Boje setzten zu können unter Beweis stellen. Selbts bei mir klappt es und ich bin froh. Ist es doch mein erstes Mal, dass ich eine Signalboje unter Wasser setzte. Und ohne Boje ist man hier gnaz schnell am Allerwehrtesten. Bei hohem Wellengang ist es für das Tauchboot extrem schwierig, wenn nicht unmöglich einen Taucher ohne Boje im Freiwasser zu lokalisieren. Aber es hat ja geklappt. Prima, so kann es weitergehen. Tut es aber nicht.

Es sind pro Tag insgesamt drei Tauchgänge (08:00, 11:00, 15:00 Uhr) geplant und an jedem zweiten Tag noch ein zusätzlicher Nachttauchgang um18:00 Uhr. Getaucht wird ausschließlich mit Nitrox. Kaum aus dem Wasser geht es also auf zum nächsten Tauchgang. Diesmal zur Außenseite einer der Bucht vorgelagerten Felseninsel namens Manolita. Das Tauchbriefing lässt zum einen auf Hammerhaie hoffen und verspricht anspruchsvoller zu werden. Sobald man den Tauchplatz erreicht hat, lässt man sich nach hinten aus dem Boot fallen und taucht unverzüglich auf ca.35 Meter tiefe ab, damit die hier üblichen Strömung die Gruppe nicht auseinander reißen. Dort angekommen sucht man sich einen Felsen zum festhalten und wartet darauf, dass sich aus dem tiefen Blau der ein oder andere Hai bzw. was sich sonst noch so da draußen rumtreibt zeigt. Was mir allerdings keiner beim Briefing gesagt hat ist, dass das Meer sich gar nicht beruhigt hat. Und so finde ich mich, die schützende Buch erstmal verlassen, auf einem winzigen Boot inmitten von zwei Meter hohen Wellen wieder und versuche beim Anlegen der Tauchausrüstung nicht aus dem Boot zu fallen. Mein Magen weiß aufgrund der letzten Tage sofort was er zu tun hat und mir wird, zur Abwechslung mal wieder ganz fürchterlich Übel.

Links, im Bild hinter mir, kommt mein Buddy Christian viel besser mit der Situation zu recht.

Kaum in 35 Metern Tiefe angekommen, verschanzen wir uns hinter einigen Felsen. Man muss wissen, Hammerhaie sind unglaublich scheue Tiere. Und vor den Luftblasen der Taucher haben sie die meiste Angst. Man muß sich also nicht nur verstecken, sondern auch im Falle einer Sichtung nach Möglichkeit die Luft anhalten.

verschanzt und quasi unsichtbar.

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Kaum unten angekommen merke ich wie nicht nur mein Magen sondern auch der Rest von mir nervös wird, wenn auch beide aus unterschiedlichen Gründen. Den starken Wellengang merkt man auch in 20 Metern Tiefe noch deutlich und zusammen mit den teils recht starken Strömungen treibt das Meer einen vor sich her. Eine bevorzugte Richtung hat das Meer dabei nicht. Schnell wird einem klar warum dieses Tauchgebiet nur erfahrenen Tauchern vorbehalten ist. Wenige Minuten nach dem Abtauchen kündigen Schemen den ersten Kontakt an. Augenblicke später sehe ich meinen ersten Hammmerhai. Dann noch einen und es werden immer mehr. Die Haie halten Abstand und trauen sich kaum näher. Es sind wunderschöne und fazinierende Tiere und ich weiß noch wie ich als Kind meinen ersten Hammerhai von der Decke des Naturkundemuseums baumeln sah. In all dieser Zeit haben diese Tiere für mich nichts an Fazination verloren und sie jetzt lebendig in ihrer natürlichen Umgebung direkt vor mir zu sehen ist ein Erlebnis sondersgleichen.

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Ab da verschwimmt meine Erinnerung an den ersten Tauchgang ein wenig und es wäre gelogen wenn ich sagen würde wie cool und gelassen ich den ersten Tauchgang weggesteckt habe. Mit einer gewaltigen Mischung aus Übelkeit und Euphorie, gepaart mit der Kraftlosigkeit als Resultat der letzten Tage in denen ich kaum ein Auge zugemacht habe, beschließe ich den dritten Tauchgang auszulassen. Ich bin in Cocos, ich habe meine ersten Hammerhaie gesehen und ich habe noch 37 Tauchgänge vor mir. Überglücklich werfe ich mir eine weitere Dramamine ein, beschliesse den Tag mit einem Bier und nutze den restlichen Tag um den Rest der Reisegruppe kennenzulernen. Die Haie bleiben mir noch eine ganze Weile erhalten. Jedes mal wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie wie sie vor mir schwimmen. Ich proste der grünen Insel zu und summe zum Sonnenuntergang What a wonderful World!

Euer CocosPhil

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2 Responses

  1. Mia Liebl sagt:

    Wunderschön erzählt…ich kann mich nicht satt lesen….bis bald ….die liebste Grüße….

  2. Stefan sagt:

    Ganz großes Kino, Philipp!!! Es war mir ein Fest den Berg der Haie mit Dir besuchen! Und jetzt mache ich mir ein Flascher Wein auf und freue mich darauf, den nächsten Teil Deiner Schilderung zu lesen. Ich hoffe in Panama City ist alles gut gelaufen und Du bist jetzt schon am AlpakaWolleMützeStricken im kalten Peru!?! :-)
    Lg,
    Stefan

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