Vogelfrei

Dem geneigten Leser mag vielleicht aufgefallen sein, dass ich mit meinem Blog ein wenig der Zeit hinterher bin. Im Moment sitze ich in der Hostelbar in Christchurch,

geniesse das vorerst letzte neuseelaendische Bier und bereite mich auf meinen Weiterflug nach Indonesien vor. (Was auch allerhoechste Zeit wird, da hier bereits der Herbst einzug gehalten hat und die Temeparturen sich nachts um den Gefrierpunkt bewegen) Fuer diese Verschiebung im Zeitkontinium gibt es selbstverstaendlich einen guten Grund. Aber alles der Reihe nach.

Nachdem ich in persoenlicher Bestzeit den Mount Tongariro bestiegen hatte, und fuer mich selber herausfand, dass es keinen Unterschied macht ob es bergauf oder bergab geht, solange nur ein Berg involviert ist. Verbrachte ich noch eine Nacht in Whakapapa, dass war ich meinen Beinen einfach schuldig, und fuhr am uebernaechsten Tag weiter in Richtung Palmerstone North. In Palmerstone North ¨musste¨ ich eine Mission fuer meinen zukuenftigen Arbeitgeber absolvieren. Wobei das ¨muss¨ vielmehr den aktuellen Zustand meines Budgets wiederspiegelt als irgendeine Art von Druck die von Seiten eben jenes Arbeitgebers ausgeuebt wurde, ganz im Gegenteil. Ausserdem war ich gerade in der Naehe. Und ich war auch nich abgeneigt mal wieder zwei Tage in nem Hotel mit richtigem Bett zu schlafen. Zumal in Neuseeland ein Whirlpool fast immer obligatorisch ist.

Nach drei Tagen in Palmerstone North, welches auch gerne als Big Smoke bezeichnet wird, und dass einfach nur weil es die groesste Stadt weit und breit ist, ging es weiter nach Wellington.

Wellington ist ein lebendige, interessante Stadt, voll mit netten Menschen und einer gesunden Undergroundkultur. Also genau das Gegenteil von Auckland. Hier kann man sich nicht nur das Auto von leicht bekleideten Damen waschen lassen,

kostenlos, sieht man mal von den horrenden Parkgebuehren ab, das wirklich hervorragenden Te Paka Museum besuchen, oder einfach nur die Seele in einer der vielen schmalen Gassen mal ein bischen freien Lauf lassen.

Schon nach wenigen Minuten in Wellington konnte ich dem Schild ueber mir recht Geben. Auf dem Schild stand in grossen blauen Buchstaben auf schwarzem Grund ¨Be happy, you woke up in Wellington and not in Auckland¨.

Den letzten Abend konzentrierte ich mich darauf die Faehre auf die Suedinsel zu verpassen. Und beinahe haette ich es auch geschafft. Konklusio, die Spitzengeschwindigkeit meines Spaceship betraegt 150 km/h und ja, man kommt im Berufsverkehr in 15 Minuten von Lower Hutt zur Faehre in Wellington.

Meinen Wecker zerlegte ich anschliessend, noch in der Autoschlange zur Faehre, in klitzeklitzekleine Einzelteile. Legte diese vor mein Auto und fuhr ganz langsam darueber hinweg, Schmolz die Ueberreste mit meinem Feuerzeug wieder zusammen, nur um die entstandene Masse die nur noch entfernt an einen Wecker erinnerte, abermals in kleine Stuecke zerlegen zu koennen. Danach ging es mir besser.

Nach einer entspannt Ueberfahrt musste ich mich ,kaum in Picton angekommen, entscheiden. Erst die Westkueste oder erst die Ostkueste entlang. Ich wollte ja so viel wie moeglich von der vielbeschworenen Suedinsel sehen. Und mir blieben etwa drei Wochen Zeit. Ohne ersichtlichen Grund, eigentlich ohne irgendeine Art von Grund, spontan sozusagen, dreht ich mitten auf der Strasse in Richtung Marlborough-Sounds und Ostkueste um und freute mich auf die Westkueste. Nach einer weiteren Stunde kam ich in Nelson an. Und tat das was man in Neuseeland immer tut wenn man in eine neue Stadt kommt um dort einige Tage zu verbringen, und parkte mein Spaceship vor der hiessigen I-Site. I-Sites sind die neuseelaendischen Touristeninformationszentren die es in jeder groesseren Stadt gibt und das gesamte Spektrum an Freizeit- und Uebernachtungsmoeglichkeiten einer Region in Form von Infobroschueren bereithalten. Noch auf dem Parkplatz traf ich den Besitzer von Seakajak-Adventures. Ich informierte mich ausgiebig ueber die angebotenen Touren und entschied mich fuer eine drei-Tages Kajaktour durch den AbelTasmanNationalPark. Allerdings kam ich nie dazu mit einem Kajak durch den Nationalpark zu paddeln, denn als ich die I-Site, wieder verliess und gen Himmel sah, schwebte dort der Grund warum ich mit meinem Blog ein wenig der Zeit hinterher hinken sollte. Paraglider! Ich kehrte auf der Stelle um ging zurueck in die I-Site und machte der freundlichen und geduldigen I-Site-Mitarbeiterin klar, dass Kajaking an sich ne tolle Sache ist, aber Gleitschirmfliegen doch eher dem enspricht wonach mir im Moment der Sinn steht. Ich verabredete mich am Telefon mit der hiessigen Paragliderschule fuer den naechsten Tag um mich in die Kunst des Fliegens einfuehren zu lassen. Um 09.00 in der Frueh verliess ich meinen Strand,

an dem sich in Wohwagen lebende Rentner angewohent hatten fuer mich zu kochen, und fuhr in die Queenstreet 108 in Richmond bei Nelson. Zeitgleich mit mir traff ein weisser Mazda ein, dem ein vom Wochenende gebeutelter, leicht irritierter Mann entstieg. Er hatte wohl am Wochenende mit mehr als nur dem ganz normalen MischMasch zu tun gehabt. Seinem Telefonat konnt ich entnehmen, das er gerade von einer riessen Party aus Queenstown zurueckgekehrt ist und einen ordentlichen Kater hat. Wenig spaeter stellte er sich mir als mein Paraglide-Instructor vor. Er zeigte mir gleich nache dem obligatiorischen Austausch unsere beider Vorname, ein Video von sich in dem er einen Gleitschirm uber, unter und neben sich platzierte und das nahezu zeitgleich. Er kam gerade vom Acrofest in Queenstown. Einem internationalen Paragliderwettkampf, in dem diese Leute genau das tun wovor die Hersteller der Gleitschirme ausdrueklich warnen und beteuern das ihre Paraglider genau dafuer nicht gebaut sind. Wir fuhren auf eine Kuhwiese nahe Richmond

und nur kurze Zeit spaeter rannte ich einen kleinen Huegel entlang, fuehlte wie sich der Schirm mit Luft fuellte und meinem Koerper einen kleinen Schupps nach oben gab. Ich flog! Nich besonders hoch oder lang, aber ich flog. Dabei musste ich mich noch nicht mal neben den Boden fallen lassen. Gegen 16:00 Uhr war Dan, das war der Name den er gegen meinen getauscht hatte, der Meinung ich bin soweit um vom 50 Meter Huegel zu fliegen. Ich konnt es kaum erwarten. Als ich mit meinem Gleitschirm oben am Huegel angekommen bin, hatte ich ein flaues Gefuehl in den Knochen. Immerhin war das jetzt eine Hoehe die mir nichts dir nichts fuer Verletzungen vernab von Schuerfwunden gegenzeichnet und fuer jeden Knochenbruch einen Bonus bekommt. Doch kaum in der Luft ueberlagerte der Spass die Angst und alles lief einwandfrei. Gegen Abend versuchte ich bereits auf einer Kuh zu landen, die allerdings in bester Kuhmanier versuchte total desinteresiert auszusehen.

Am naechsten Tag ging es dann schon fuer drei Fluege auf einen 150 Meter hohen Startplatz. Danach war ich und Dan uns einig das ich einerseits so weit war um mit den grossen Jungs zu fliegen und andererseits nicht gewillt war noch einmal meinen Schirm (ca. 25 kg) 150m den Berg hoch zu tragen. Und dann, nur eineinhalb Tage nachdem ich das erste Mal einen Gleitschirm aus der Naehe gesehen habe, brachte man mich mit dem Auto hinauf auf den Barnicoat.

Einem der besten Gleitschirmspots in Neuseeland. Meine Adrenalindruesen liefen zu neuen Hoechstleistungen auf und wenige Augenblicke spater schwebte ich bereits 800 Meter ueber dem Boden und teilte mir den Luftraum mit den hiesigen Falken.


(ja das kleine schwarze Ding unter dem Schirm bin tatsaechlich ich)

Und schon wahrend meines ersten hohen und langen Fluges wurde mir eine Sache ganz deutlich bewusst. Die meisten Leute, mich eingeschlossen, haben eine vollkommen falsche Vorstellung vom Gleitschirmfliegen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Vom Boden aus betrachtet wirkt alles so sanft und geraeuschlos, wie in Watte gehuellt. Und dem ist ganz und gar nicht so. Da oben rauscht der Wind in den Ohren und man fuehlt sich eher in Stahlwolle als in Watte gehuellt. Jeder der bereits mit einem zweimotorigen Propellerflugzeug geflogen ist wird festgestellt haben, dass es, im Vergleich zu einer 747, wesentlich ruppiger zugeht. Abstrahiert man dies nun auf ein paar Quadratmeter Stoff die mit ein paar Leinen mit einem Sitz verbunden sind in dem sich der eigene Koerper befindet, kommt man der Realitaet schon sehr nahe. Hat man sich aber damit erstmal abgefunden und findet Gefallen daran mit 6-8 m/s zu steigen/sinken steht dem Spass in der luft und dem Spiel mit der Thermik, nichts mehr im Wege. Und wenn man sich erstmal mit einem grossen Raubvogel die Thermik teilt, gibt es kein zurueck mehr. Man ist gefesselt vom Traum zu fliegen.


(Ikarus rules!)

Und genau das passierte mit mir. Nach drei Tagen habe ich den PG1 bestanden. Der PG1 ist der erste Teil der Pilotenausbildung und berechtigt einen dazu ueberhaupt daran zu denken seinen Gleitschirmschein zu machen. Jetzt stand ich vor einer schweren Entscheidung. Entweder weiter fahren und in den letzten verbleibenden Wochen die Suedinsel Neuseelands erkunden, oder in Richmond bleiben und mich zum Gleitschirmpiloten ausbilden lassen. Da das Wetter fuer das kommende Wochenende alles andere als gutes Flugwetter war, fuhr ich mit meinem Spaceship fuer ein paar Tage in die Golden Bay und liess mich zur Entscheidungsfindung in einem kleinen Dorf namens Takaka nieder. Hier gab wunderschoene Straende und das klarste Quellwasser der Welt.


(leider hat es gerade geregnet, aber man kann trotzdem ungefaehr erkennen wie klar das Wasser ist. Nur das Wasser unter der Arktis ist klarer und das ist kein Quellwasser)

Und alles war voller Hippies die sich in alternativen Kommunen selbst feierten und ihren Lebensstil ueber alles andere stellten, zudem rochen sie komisch. Sie erzaehlten mir von grauen und schwarzen Aliens und das wir alle im Jahr 2012 sterben werden.


(verstuemmelte Pflanzen wie diese sind immer ein deutlicher Hinweis auf eine in der Naehe lebende Hippiepopulation)

Mit einem fast unmerklichen Schmunzeln im Gesicht hoerte ich mir das alles an, doch als die Hippies mir dann ganz stolz kleine, farbig bedruckte Papierscheinchen zeigten und meinten das sei ihr eigenes Hippie-Geld, Hands genannt, konnte ich nicht mehr an mich halten und verfiel ob dieses Wiederspruchs in schallendes Gelaechter. Das war zuviel fuer die sensible Hippieseele und wenig spaeter verliess ich Takaka, fuhr zurueck nach Richmond und begann am naechsten Tag meine Gleitschirmpilotenausbildung.


(In Neuseeland zaehlt der Handschlag noch was und Dan und ich freuen uns uber die uns bevorstehende Zeit)

Da oben gab es wenigstens keine Hippies und die Suedinsel konnte ich mir auch von oben ansehen. Stew bot mir an in seinem Bus im Garten zu schlafen, dem Mutterschiff sozusagen


(Das Mutterschiff mit Kingsize-Bett, Strom und Kochstelle)

und in den naechsten zwei Wochen absolvierte ich ueber 42 Fluege (weit ueber 20 Stunden in der Luft) und zog mit Dan und Stew um die Haeuser.


(Stew und Dan denken sich gerade neue aeronautische Foltermethoden fuer mich aus)

Es gab Fluege da wuenschte ich mir lieber am Boden zu sein als in der Luft. Macht Bekanntschaft mit garstigen Dornbueschen und Wolken die einen in der Luft regelrecht einsaugten. Landete in Kuhwiesen weit ab vom Ziel und verfluchte auch schon mal die mich umgebenden Luftmassen die nicht gewillt waren mich landen zu lassen, es sei den in einem Baum oder einem Pfosten. Und Landungen in Baeumen sind ganz schoen uncool.


(Phils pole. Dieser Pfosten musste sehr unter meinen gezielten Landungen leiden und wurde nachdem ich ihn das drittemal umgeflogen habe nach mir benannt.)

Aber das Gefuehl zu fliegen mit nichts weiter als einigen qm Stoff und einigen Leinen ist unebschreiblich und der Ausblick einfach atemraubend.

 

Und dank Dan und Stew die mir in dieser Zeit wirklich sehr gute Freunde waren und mir eine erstklassige, wenn auch schwere Ausbildung zu Teil werden liessen stand ich nach wenigen Wochen und einer Pruefung in Luftrecht, Meteorologie und Aeorodynamik vor meiner letzten Pruefung. Um festzustellen ob ich den Gefahren der Luft auch gewachsen bin, musste ich ein rohes Ei mit Schale und eine rohe Zwiebel essen.


(Dan war am Vorabend besoffen und versprach mitzumachen, daher das doppelt Lottchen)

Dabei darf weder Ei, Schale oder Zwiebel den Mundraum verlassen.


(Dan und ich im Kampf gegen den Brechreiz)

Und nachdem auch diese Pruefung hinter mir lag, bin ich nun zertifizierter Gleitschimpilot und kann mir nun weltweit die Welt von oben betrachten. I love it!


(Ich und mein neuer Freund der Gleitschirm)

Und Rueckblickend betrachtet, bereue ich meine Entscheidung keines Wegs. Gut ich hab nicht wirklich viel von der Suedinsel gesehen, aber dafuer den neuseelaendischen Lebensstil sehr genossen


(San, die Frau von Stew, mit der Familiensammlung an Motorraedern, wenn nicht geflogen wird, wird Dirtbike gefahren)

und neue Freunde gewonnen und fliegen gelernt. Der Himmel und die Wolken werden fuer mich nie wieder die selben sein.

Euer FlyingPhil

 

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1 Response

  1. Feedbackboy sagt:

    AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARRRRRRRR
    RRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
    RRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
    RRRRRRRRRRH!

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