Das Geheimnis der roten Pfannkuchen

Alls ich noch eine Kind war und weit entfernt davon mit der Pubertät Bekanntschaft zu schließen kam im Nachmittagsprogramm eine Doku, wo eine Mann etwas Graues von einem Kaktus abkratzte um daraus rote Pfannkuchen herzustellen. Wow, rote Pfannkuchen mithilfe eines Dingens von einem Kaktus. Das wollte ich selbstverständlich auch ausprobieren und begann herauszufinden um was es sich wohl handeln könnte. Das geschah alles zu einer Zeit vor dem allgegenwärtigen Internet. Damals beschränkten sich solche grundlegenden Nachforschungen nicht darauf einfach mal kurz zu Googlen und befriedigt innerhalb von Minuten oder gar Sekunden ein passables Ergebniss vorweisen zu können oder zumindest der Sache näher gekommen zu sein. Ich weiß noch, dass ich im Laufe der Jahre alle möglichen Leute darauf ansprach,  verschiedene Gartenzenter und botanische Gäten abklapperte und immer wieder im Fernsehn nach einer Wiederholung ausschau hielt, aber leider ohne Erfolg. Selbst Jahre später kratzte ich jedewedes graue Zeuchs von jedem Kaktus das sich mir während meiner postpupertären Entwicklung darbot. Ich verschickte Nachrichten innerhalb des FIDO-Nets, die damals noch Tage brauchten um alle angeschlossenen Rechner Weltweit zu erreichen zog unterschiedlichste Literatur zu Rate und griff das Thema bei verschiedenen Gelegenheiten immer wieder auf. Die sachdienlichen Hinweise zu den roten Pfannkuchen blieben jedoch aus. Über die Jahrzehnte rückten die roten Pfannkuchen immer mehr in Vergessenheit, aber ganz losgelassen hat mich das Thema nie.

Wer hätte gedacht dass ich nun, knapp 30 Jahre später auf meiner Reise durch Peru, in Ollantaytambo endlich auf des Rätsel Lösung stoßen würde. Wir, das heißt Carlos und ich waren an meinem letzten Tag unterwegs in Sachen Inka Pool. Ich hatte wieder meine Badehose und Handtuch eingepackt und der Himmel erstrahle in einem solchen Blau, das graue Wolken am selben Ort und zur selben Zeit die Grenzen des Vorstellbaren sprengen würden. Luciano war schon seit Tagen untergetaucht und so nahm sich Carlos, der Betreiber des Hostels, meiner noch unerledigten und somit offenen Mission, den Inka Pools an. Wir machten uns frohen Mutes los und nahmen vielleicht nicht den kürzesten aber sicherlich den schöneren Weg in Richtung kühles Nass

Auch kühl und naß, am Wegesrand.

Auch kühl und naß, allerdings am Wegesrand.

Und eben auf dem Weg dorthin, als wir an einem großen ausufernden Kaktushorst vorbeikamen nahme ich eben jene graue Ablagerung wahr, wie schon so oft. Und wie schon so oft ging ich rüber um was davon abzukratzen es in meiner Handinnenfläche zu verreiben und sehen das nicht passiert. Das ganze Ritual war fast schon ein Zwang. Nur diesmal war da mehr als nur ein grauer stumpfer Belag. Über die Kaktusoberfläche verteilt waren kleine schwarze mit weißem Pulver bestäubte Halbkugeln verteilt. Offensichtlich so etwas wie kleine Tierchen oder eben die Hinterlassenschaften von kleinen Tierchen.

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Und in diesem Moment dämmerte es mir, das dieses Mal mein Ritual anders ablaufen könnte. Ich war mir sicher, dieses Mal würde es funktionieren. Ich rief noch Carlos zu ob er einen klasse Trick sehen möchte und kratzte etwas von dem grauen Belag in meine offene Hand. Wir schauten beide gespannt zu als ich vorsichtig das graue Pulver zwischen meiner Hand und meinem Zeigefinger verrieb. Und es passierte nichts. Keine rote Farbe, keine Trick, nichts. Ich probierte Wasser hinzuzufügen, und hatte nun milchig weißes Wasser in meiner Hand produziert. Entäuschung machte sich breit. Carlos zweifelndes Minenspiel sah sich bestätigt, zusammen mit den Geschichten die man sich wohl am Lagerfeuer bei einem Meerschweinchenbraten über weiße Gringos erzählt. In dem Moment als ich schon aufgeben wollte, sprang aus den tiefsten Windungen der grauen Masse oberhalb meiner Schultern die sich trotz Allem nach wie vor Gehirn schimpft ein Wort auf die Bühne des Bewußten. Läuse. Das war die Lösung. Ich nahme einige der Halbkugeln, vermeindliche Läuse, in die Hand, natürlich nicht ohne mich dabei physisch mit den bewährten Abwehrmechanismen von Kakteen auseinanderzusetzten und zerieb vorsichtig die kleinen Körper in meiner Hand. Sofort war meine Hand voll mit leuchtend roter Farbe.

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Es klappt!

Es klappt!

 

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Tief in mir halte das Echo einer jahrzehnete währenden Suche, die sich nun in ihre Bestandteile auflöste, nach. Ich war überrascht, wieder Kind,  bestätigt und fühlte mich eigenartig beseelt. Alles auf ein Mal. 30 Jahre nach Erstausstrahlung einer unbedeutenden Dokumentation, stand ich nun am Rand eines Berges Mitten in Peru, beide Hände bedeckt mit einer mehrer Hautschichten nachhaltig färbender roter Tünche aus zerquetschten Läusen und einem gehörigen Appetit auf Pfannkuchen, rote Pfannkuchen.

Die Pfannkuchen mussten aber noch etwas warten, waren wir doch ursprünglich in einer gänzlich anderen Mission unterwegs. Und so setzten wir, Carlos sichtlich beeindruckt und ich sichtlich erfreut unseren Weg in Richtung des Inka Pools fort. Spätestens dort könnte ich mir dann bei einem ausgiebigen Bad die rote Farbe von den Händen waschen. Zwanzig Minuten später konnte ich mir dann am Inka Pool angekommen zumindest einen Hauch von Farbe von meiner Hand waschen. Der meiste Teil weigerte sich jedoch beharrlich sich abwaschen zu lassen und blieb in der Hand.  Genauso blieb auch das Handtuch und die Badehose in meinem Rucksack, den der Inka Pool war leer. Nur ein schlammiger, streng riechender Bodensatz war übrig.

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Carlos und ich fingen an zu lachen und setzten uns neben den Inka Pool ins Grass und genoßen die fantastische Aussicht auf die umliegenden schneebedeckten Berge. Wir warteten über eine Stunde darauf, dass die Wolken uns einen Blick auf Viktoria, so nennen die Einheimischen den höchsten Berg im Panorma, freigeben. Jedoch vergebens. Nur ab und zu war uns ein Blick auf einen Teil dieses beeindruckenden Bergmassivs vergönnt.

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Hinten rechts versteckt sich Viktoria.

Genoßen haben wir es so oder so. Auf dem Weg zurück kommen wir an einem anderen Kaktus vorbei, der ebenfalls meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auf diesem wachsen essbare Früchte. Und da mir gerade danach ist, nehme ich Kurs in richtung Kaktus. Carlos meint noch zu mir ich soll ja vorsichtig sein, was die Stacheln angeht. Na klar, denke ich, bin ja kein Idiot zudem sind die Stacheln ja groß genug als das man dies geschickt mit den Fingern umspielen kann. Und so trenne ich vorsichtig Kaktus und Frucht. Carlos scheint das zu imponieren und er fragt mich ob es denn nicht wehtut. Ich schaue in ungläubig an und eh ich noch was erwidern kann spüre ich ein Ziehen und Stechen in den Fingern.

Verbotene Früchte

Verbotene Früchte

Als ich mir meine Finger und die abgetrennte Frucht genauer anschaue, fällt mir auf das Carlos gar nicht die omnipräsenten Stacheln am Kaktus selbst meinte, sondern vielmehr die kleinen, hauchdünnen Stacheln die büschelweise die Frucht bedecken. Hunderte davon zieren jetzt meine Fingerspitzen. Es dauert eine ganze Weile bis wir zusammen meine Finger von den meisten Stacheln befreit haben. Auf die Frucht hab ich dann unser aller Willen wegen verzichtet. Und um diese Erfahrung reicher endet mit diesem Ausflug auch eine ganz fantastische Zeit in Ollantaytambo.

Zurück in Cusco bezieh ich wieder mein Zimmer im WaraWara Hostel, mit dem fantastischen Ausblick über die Stadt. Hier muß ich mich nun entscheiden wie ich hinsichtlich meines Abstechers in den Amazonas verfahren will. Carlos hat vor meiner Abfahrt noch einen anderen Ort ins Spiel gebracht. Tarapoto oder auch die Stadt der Palmen genannt. Tarapoto ist auch im Amazonasgebiet gelegen vermisst aber die hektische Betriebssamkeit einer Stadt wie Iquitos. Vermisst aber auch den Amazonas als solches und den Amazonas Fluß wollte ich um nichts in der Welt verpassen. Aber auch die Ruhe und Abgeschiedenheit in Tarapoto klingt als letzte Station meiner Reise sehr verführerisch. Und so vebringe ich den ganzen Tag in Cusco damit verschiedene Reiserouten zu studieren und Flugpreise zu vergleichen. Am nächsten Tag steht meine Route für die letzten paar Tage in Peru fest. Nach weiteren zwei bis drei Tagen in Cusco, die ich nutzen will um meinen Blog zu aktualisieren, würde ich von Cusco über Lima nach Iquitos fliegen, dort mehrere Tage im Dschungel verbringen um anschließend eine Woche in Tarapoto in der Hängematte Weihnachten zu verpassen. Perfekt!

Bis es soweit ist genieße noch ich die familäre Atmosphäre in meiner Unterkunft die von Miguel und Seiner Frau geführt wird. Beide haben einen kleinen Sohn und einen Schnauzer namens Tito. Selten habe ich mich an einem Ort so wohlgefühlt. Als Miguel und ich auch noch herausfinden, dass wir nahezu den gleichen Musikgeschmack unser eigen nennen, er kannte sogar die deutsche Punkband Wizo und verfügte über mehrere Alben, verließ ich das Hostel kaum noch. Zu Punk Rock und Metal kocht uns Miguel hervoragendes Essen während ich an meinem Blog schreibe. Aber immer Abends kurz vor dem Einschlafen höre ich den Lockruf des Dschungels. Amazonas bitte beruhigen sie sich, ich komme!

Euer KaktusPhil

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