Hail Ollantaytambo

Die Mail von Dina enthielt neben der Nummer von Luciano, der in Ollanty in einem Hostel arbeitet, auch die Nummer eines sicheren Fahrers. Ein kurzer Anruf und ich werde Mittags am Hostel in Cusco abgeholt. Mein Fahrer Juan Carlos spricht zwar nur spanisch, aber davon hab ich mich die letzten Wochen auch nicht abhalten lassen. Und mit einem kräftigen vamos geht es auf in Richtung meines selbstauferlegten Exils. Aus den Lautsprechern dröhnen die Hits der 80er. Und da die digitale Technik auch in Peru angekommen ist, handelt es sich nicht einfach um einen Sampler mit 18 Songs, sondern ohrenscheinlich um einen MP3-Ordner mit allen 80er Hits. Ever! Und so genieße ich zu den Zeilen von Phil Collins „just another day for you and me in paradise“ das malerische Andenpanorama und versenke meine Fingernägel in den Türgriff als Sting „Sending out an SOS to the world“ trällert und mein Fahrer ein peruanisches Überholmanöver einleitet. (Ein peruanisches Überholmanöver ist recht simple gestrickt. Man überholt einfach. Dabei spielt Glück im Gegensatz zu Gegenverkehr, Strassensituation und Geschwindigkeit tatsächlich eine Rolle und es ist erstaunlich wie oft es gut geht). Nach einer 90 minütigen Reise zurück in die 80er erreichen wir Ollantaytambo und das Hostel Janaxpacha gleich am Dorfeingang.

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Carlos der Besitzer des Hostels heißt mich willkommen, ich beziehe mein Zimmer und warte auf Luciano im Garten des Hostels. Das ist sie also, meine neue Zufluchtsstädte, die für sovieles herhalten muß. Eine halbe Stunde später trifft ein völlig übernächtigter, gerade dem Bett entstiegener Luciano ein. Luciano ist etwa 1,90cm groß, bebrillt und gehört zu der Art von Mensch die immer einen grundnervösen eindruck vermitteln, da sie versuchen auf zu vielen Hochzeit auf einmal zu spielen. Was wie wir alle wissen uns, mit dem aktuell zur Verfügung stehenden Physikbaukasten, nicht gelingen mag.

Wir sind uns aber sofort einig, dass Nahrung eine wesentliche Rolle in unser beider Leben spielt und so ziehen wir los um selbige aufzunehmen. Unterwegs werde ich bereits mit Namen und Herkunftsland in strategisch wichtigen Lokationen vorgestellt. Als da wären die beste Pizzeria des Ortes, der beliebtesten Bar, und dem billigsten Tante Carmen Laden.

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Vorne rechts und die zweite Links gehts zum Pizzaladen.

Vorne rechts und dann die zweite Links gehts zum Pizzaladen.

Das rosane im Eimer ist Maisbier und das drumherum die Einwohner von Ollantaytambo.

Das rosane im Eimer ist Maisbier und das drumherum die Einwohner von Ollantaytambo.

Das Essen schmeckt hervorragend und Luciano, immer noch verkatert unterbreitet die Idee gleich mal zu den alten Inka Pools zu gehen um ein erfrischendes Bad zu nehmen. Warum nicht, ist das doch genau die Art von Entspannung die ich gegenwärtig gut gebrauchen kann. Bepackt mit Badehose, Handtuch und Sonnenbrille machen wir uns auf den Weg. Den ersten Teil der Strecke legen wir mit dem Motorrad zurück. Die restlichen drei Kilometer wollen zu Fuß zurückgelegt werden. Am Himmel tummeln sich zwar dunkle Wolken aber Luciano weiß als Einheimischer das wenn der Wind von Westen kommt die Sonne oberhand behält. Ich bin froh um soviel meteorologisches lokalkolorit und genieße den Marsch durch üppige Maisfelder entlang des mächtigen Urubambastroms flußabwärts. Ich merke wie die Motivationsgeister zurückkehren und bin froh hier zu sein.

Das ändert sich allerdings schlagartig als ein gewaltiger Donner ertönt. Und damit meine ich nicht einfach nur Donner sonder einen Donner der so klar, knackig und omnipräsent ist, dass es eigentlich verpflichtend sein sollte, dass jeder Musikproduzent der was auf sich hält mindestens einmal solchen Donner erfahren sollte. Denn ganz ehrlich, so muß ein Drumset klingen und nicht anders. Auch Luciano ist von seiner Windtheorie nicht mehr ganz so überzeugt. Ist der Himmel doch mittlerweile behangen mit tiefschwarzen Wolken die erfolgreiche gegen den Wind immer näher rücken. Und das gerade mal eine paar Meter über uns. Wir sind ja schließlich immer noch auf knapp  3000 Metern Höhe in den Bergen. Wie beschließen den Besuch des Inkapools auf ein andermal zu verschieben und machen kehrt. Das sich uns bietende Bild wirkt surreal. Hinter uns strahlender Sonnenschein der keinen Zweifel an der Richtigkeit der Badehose im Rucksack lässt, vor uns die Apokalypse.

Und die Apokalypse hält etwas ganz besonderes für uns bereit. Hagel. Etwa erbsengroße Körner bombardieren uns auf freiem Feld. Luciano meint noch, ich habe Glück,so etwas hat er in den Jahren die er hier lebt noch nie erfahren. Komisch, ich fühl mich gar nicht wie ein Glückspilz. Dafür spüre ich die Einschläge der einzelnen Hagelkörner allzudeutlich auf meinem auf Badeurlaub eingestellten Körper.

Für uns ganz selbstverständlich hier ein Glücksfall.

Für uns ganz selbstverständlich, hier ein Glücksfall.

Nachdem der Hagel in Regen übergeht wagen wir uns unter dem kleinen Vordach einer leider nicht ganz so nahen Scheune heraus. Der Fluß ist nun dunkelbraun und reißend. Die Strasse auf der wir gekommen sind, nicht mehr passierbar. Wir beschließen mit dem Motorrad die Gleise entlang bis zum Bahnhof zu fahren und dort besseres Wetter abzuwarten. Nur hatten die Gleisbauer in ihrer Planung nicht berücksichtigt, dass zwei patschnasse jungebliebene mal eben mit dem Motorrad hier lang fahren. Und eigentlich haben wir letzten Endes das Motorrad die halbe Strecke geschobgetragen. Am Bahnhof eingefahren, halten wir beide Kaffee für eine hervoragende Idee. Das örtliche Stromnetz welches auch die Espressomaschine versorgt ist da aber ganz anderer Meinung. Auf die Nachfrage was den noch funkioniert, zeigt der Kellner auf die Zapfanlage. Und Sekunden darauf ergießt sich ein Strom kühles, helles Bieres in zwei Gläser. Das Bier wird vor Ort in einer kleinen Brauerei gebraut und schmeckt hervoragend. Nach zwei Gläsern hört auch der Regen auf und wir beschließen den Tag mit leckeren Baguettes die wir im Hostel zu uns nehmen. Dort erzählt uns ein ca. 20 jähriger Freund von Luciano, das er sich noch wage an den lezten Hagel erinnern kann. Da war er gerade mal Acht Jahre alt. Ich Glückspilz.

Euer OllantyPhil

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2 Responses

  1. Maohl sagt:

    Das T-Shirt auf dem letzten Bild passt ja gut, sieht aus als wäre ein vormals darauf prangendes Motiv unter dem Einfluss der strömenden Wassermassen einfach zerronnen.
    Ach ja, und ich wüsste wirklich gern wie Maisbier schmeckt. Das Bananenbier in Afrike fand ich damals ganz hervorragend, allerdings auch als einziger.

    Viel Spass noch auf den letzten Metern,

    Maohl

    • Chaos sagt:

      Dann wird dir das Maisbier auch wunderbar schmecken. Ist ganz furchtebares Zeuchs. Um den Gärungsprozess zu beschleunigen wird auch mal gerne reingespuckt. Und so schmeckt das dann. Denke ist analog zum Bananenbier, oder?
      Und das mit dem Tshirt hat sich genau so zugetragen, verrückt oder :)

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