Lake Titicaca und ein bischen Karneval

Nach meiner Rückkehr aus dem Tal der Kondore, bin ich froh, Höhe als auch Temperatur wieder auf einem angenehmen Niveau vorzufinden. Die Sonne ist umgeben von azurblauem Himmel und ich kann sogar problemlos umherspazieren ohne Angst haben zu müssen meine Lunge zu verärgern. Diesen Umstand nutzend spaziere ich gleich in den nächsten Ceviche Laden, ist das letzte doch schon einige Tage her. Während des Essens habe ich genug Zeit mir Gedanken über meine etwas brachliegende Reiseplanung zu machen. Der PeruHop Bus verlässt Arequipa morgen früh im sechs Uhr in Richtung Cusco. Mir ist gerade gar nicht nach einer zehn stündigen Busfahrt. Ausserdem hab ich am Titicaca See ja noch die eine oder andere Mission zu erfülllen. Allerdings ist für die nächsten Tag am See Regen vorhergesagt. Mir ist gerade gar nicht nach Regen. Ich verschiebe diese Entscheidung um weitere zwei Tage die ich in Arequipa verbringe. Sonne, gutes Essen und eine weiterer spontaner Besuch eines Kochkurses vertreiben mir die Zeit. Ich habe inzwischen auch herausgefunden, dass der PeruHop Bus auf seinem Weg nach Cusco eigentlich am Titicaca See vorbeifährt.

Einen kurzen Mailwechsel mit der HopZentral später, steht ein fantastischer neuer Plan. Ich fahre mit dem Bus bis nach Julianca, organisiere mir selbst einen Transport bis nach Puno und kann dann zwei Tage später mit dem Bolivia Hop Bus kostenlos nach Cusco fahren. Mental erschlage ich etliche Fliegen mit meiner Klappe. Das muß man PeruHop lassen, flexible sind sie ja. Gesagt getan. Nach einem herzzerreisenden Abschied im Hotel, die waren aber auch alle extremst lieb, mach ich mich auf den Weg über Julianca nach Puno. Es klappt alles wie am Schnürchen, na gut der eine oder andere Knoten musste noch unterwegs gelöst werden, aber nichts dramatisches. Und total übermüdet komme ich in Puno am Backpacker an und freu mich darauf mich erst mal für ein paar Stunden aufs Ohr zu hauen.
Die Strasse zum Hostel ist allerdings blockiert. Blockiert durch eine Menschenmenge die drei wesentliche Merkmale aufweist. Alle sind bekleidet mit Trachten und Kostümen und ganz fürchterlich betrunken.

Zimmer mit Aussicht

Zimmer mit Aussicht

Um dieser Kombination noch ein wenig mehr Druck zu verleihen spielt die Hälfte von ihnen ein Musikinstrument. Präferiert werden hier ganz klar, Blas und Schlaginstrumente. Dabei hatt jede Gruppierung, bestehende aus 10 – 20 Männern und Frauen, nicht nur eigene Trachten sondern auch einen eigenen Rythmus und eine eigene Melodie. Und diese gilt es gegen die nur wenige Meter entfernt spielende Combo zu verteidigen. Und da Angriff bekanntermaßen die beste Verteidigung darstellt endet das Ganze in einer unglaublichen Kakophonie. Ich kämpfe mich mit meinem Rucksack durch die wankende Menge. Mittendrin in dieser mit Alkohol und Lärm gesättigten Menschenansammlung angekommen schaue ich fragend zu meinem Fahrer und erhoffe mir von ihm ein Zeichen wo denn nun mein Hostel genau sei. Er grins nur und deutet auf ein Gebäude, welches mein Schicksal teilt und sich genauso wie ich direkt in der Menge befindet. Das ist ungefähr so, als wenn man im September nach München kommt um sich die Stadt anzuschauen und ins Hofbräuhaus-Zelt einquartiert wird.
In meinem Zimmer angekommen, fang ich sofort an mich aufs Ohr zu hauen. Aber gegen den Lärm direkt vor meinem Fenster bin ich machtlos, gegen die vorherschende Kälte allerdings nicht. An der Rezeption frage ich nach was denn gefeiert wird und nach einer Heizung. Ich will ja schließlich wissen mit was ich es hier zu tuen habe und dieses Wissen in einem warmen Zimmer verarbeiten.
Die „Fiesta de la Virgen de la Candelaria“ hat es geschafft und wurde von der UNESCO zum Weltkuturerbe erklärt. Und das muß natürlich gefeiert werden. Draußen auf der Strasse als eine Grupe nach der anderen an mir vorbeizieht, zieht mich die Festivität allmählich in ihren Bann. Was natürlich daran liegen könnte, dass ich mittlerweile auch ein wenig angeheitert bin. Man bekommt ständig ein Glas mit Bier in die Hand gedrückt. Was ganz gut ist, denn so merke ich nicht wie die Qualität der musikalischen Darbietung ins absonderliche abrutscht. Melodien und Rythmus sind mittlerweile eine sehr individuelle Angelegenheit. Nur den Lärmpegel betreffend ist man sich einig. Die Veranstaltung zieht sich bis in die frühen Morgenstunden.

Als dann schließlich die Sonne aufgeht ist der Spuk vorbei. Und ich mache mich bereit für meinen Ausflug zu den Islas Flotantes der Uros und zur Isla Taquila.

Mit dem Boot geht es erst zu den schwimmenden Schilfinseln der Uros. Seit Jahrtausenden bewegen sich die Anwohner des Sees mit Hilfe von Schilfbooten auf dem See hin und her. Und da lag es nahe, dass als die Colla und Inkas die Uros angriffen, sich diese vor einigen hundert Jahren auf schwimmende Schilfinseln zurückzogen. Heute leben noch rund 2000 Uros verteilt auf ca. 50-60 Inseln im dichten Schilf an den Ufern des Sees.

IMG_5125

War früher noch der Fischfang die Haupteinnahmequelle ist es heute eindeutig der Tourismus. Wir verbringen eine halbe Stunde auf einer dieser Inseln. Das Oberhaupt der ansässigen Familie erklärt uns wie man eine solche Insel baut und rudert anschließend mit uns im echten Schilfboot zur Restaurantinsel wo man sich seinen Reisepaß stempeln lassen kann.

Ein maßstabsgetreuer Querschnitt einer Schilfinsel.

Ein maßstabsgetreuer Querschnitt einer Schilfinsel.

Damit ist Thor Heyerdahl über den Pazifik.

Damit ist Thor Heyerdahl über den Pazifik.

Mir ist das zu anstrengend, und der Pazifik ist weit.

Mir ist das zu anstrengend, und der Pazifik ist weit.

Die Frauen der Insel singen zum Abschluß noch „vamos a la playa“ und rufen uns ein „hasta la vista, baby“ zu. Hab ich schon erwähnt, dass hier fast niemand mehr fischt. Dennoch ist das Leben auf diesen Insel hart und entbehrungsreich. Wir sind hier immerhin auf 3800m Höhe und auf dem höchstgelegenen schiffbaren See der Welt. Da wundert es auch nicht, dass die Volkskrankheit bei den Uros Rheumatismus ist.

Wieder auf dem Boot nutze ich die mir verbleibenden ein einhalb Stunden Fahrtzeit bis zur Isla Taquile um ein wenig Schlaf nachzuholen. Die Insel erinnert mit ihren kargen Terrassenfeldern und den dazwischen platzierten Häuschen ein wenig an den europäischen Norden, was auch Felix, ein Schwede den ich an Board kennenglernt habe, bestätigt.

IMG_5201

Den Rest des Tages wandern wir über die Insel und ich versuche verzweifelt einen männlichen Einwohner aufzutreiben, der mir das Stricken beibringt. Denn auf dieser Insel ist es Tradition dass nur die Männer stricken. Und das tuen hier durch die Bank weg alle Männer. Bereits im Alter von acht Jahren beginnen die Jungen einfach Mützen zu stricken. Erst einfarbig und dann im Alter von zwölf zweifarbig, rot und weiß. Erst viel später dürfen diese dann Muster in ihre Mützen stricken. Dabei dient die Mütze quasi als Ausweiß. Sieht man anhand der Farben sofort den sozialen Rang, die Herkunft und ob man verheiratet oder noch Singel ist. Leider ist die Sache mit dem Stricken hier dermaßen kompliziert, die Männer benutzen fünf Nadeln gleichzeitig, und rituell, dass sich niemand finden lässt der mir beibringt wie man sich eine Mütze strickt. Schade, damit ist eine meiner Missionen vorerst gescheitert.

 

Immer und überall zu stricken macht gute Laune.

Immer und überall zu stricken macht gute Laune.

Komplexität im Detail

Komplexität im Detail

Die Bewohner sind aber auch in anderen Bereichen wahre Genies.

Die Bewohner sind aber auch in anderen Bereichen wahre Genies.

Die Betonung liegt dabei aber auf vorerst. So genieße ich mit meiner konventionell und maschinell hergestellten Mütze bekleidet die Ruhe und den Frieden dieser Gemeinschaft, die über keinerlei Fahrzeuge, auch keine Fahrräder verfügt und sich alle Einnahmen und Erzeugnise gleichermaßen untereinander aufteilt.

Die 3800m Höhe machen sich wieder in Form von Kopfschmerzen und Übelkeit bemerkbar und so dauert nicht lange bis ich zurück an Land zum Summen und Klicken meiner Heizung einschlafe.

Euer AltitudeSicknessPhil

DCIM100GOPROGOPR1086.

You may also like...

2 Responses

  1. Maohl sagt:

    Das Video erinnert mich irgendwie an die Imster Fasnacht im schönen Tirol der ich auf Grund der Herkunft von Freundins Seite einmal beiwohnen muss…ähh…durfte!
    https://www.youtube.com/watch?v=yjZUWvZbAYY

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *